Wie sehr habe ich mich auf den neuen Roman von Robert Seethaler gefreut - und das Warten hat sich gelohnt. "Ein ganzes Leben" erzählt die Geschichte von Andreas Egger, die in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts beginnt. Der Vater unbekannt, die Mutter gestorben, kommt er als kleiner Junge in ein abgeschiedenes Tal in den Alpen. Sein Vormund, der Großbauer Kranzstocker, zieht ihn mit Schlägen groß und prügelt ihn zum Krüppel. Trotz seines hinkenden Beins und des Spotts der Dörfler gelingt es Egger, sich aufzuraffen und sein Leben in die Hand zu nehmen. Er baut sich ein Haus, findet einen Job und seine große Liebe. Seine Behinderung erweist sich sogar als Vorteil, weil er der Einzige im Dorf ist, der am Berg gerade gehen kann. Es scheint, als habe es das Schicksal mit Andreas Egger doch gut gemeint.

Seethaler schildert das Leben des Seilbahnarbeiters Andreas Egger still und berührend und glaubwürdig. Frei von Dramatisierungen, von gewollten literarischen Inszenierungen, gelingt ihm eine poetische Dokumentation, die ein Leben wiedergibt und nicht als Kunstwerk erfindet. Vor allem nicht neu erfindet. Denn das ist Seethalers Vermächtnis nach 160 Seiten: Seine Biographie liest sich als Antithese zu den großen Bildungsromanen deutscher Tradition, wo der Held auszieht und verändert zurückkehrt. Quer durch achtzig Lebensjahre betrachtet, bleibt der Mensch Egger der, der er ist.

Roman
Hanser Berlin, 17,90 €

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