
Lesetipp von
Nicole Christiansen
22.05.2023
In seiner Jugend suchte der in der Negev-Wüste in Israel aufgewachsene Autor Meron Mendel den Austausch mit palästinensischen Schüler:innen, den das israelische Bildungssystem nicht vorsieht. In einem Dorf namens Neve Schalom in der Nähe von Jerusalem fand er die Ausnahme: eine binationale Schule. Hier lernen die Schüler:innen die „Geschichte des Anderen" kennen, in dem sie einander emathisch zuhören.
In seinem Buch „Über Israel reden" lädt der Historiker und Pädagoge Meron Mendel, der seit 2001 in Deutschland lebt, seine deutsche Leserschaft zu einem spannenden Gedankenaustausch ein. Hochaktuelle Themen verortet er aus deutscher und israelischer
Sicht. Dabei geht er auf Fragen ein, die in der Öffentlichkeit heiß diskutiert werden: Warum ist Israels Sicherheit deutsche Staatsräson? Wie verhält sich die Linke im Nahostkonflikt? Wer solidarisiert sich mit Palästina gegen die israelische Besatzungsmacht? Welche Konsequenzen hat der BDS-Streit am Beispiel des afrikanischen Philosophen Achille Mbembe? Ist Israel Produkt eines europäischen Kolonialismus? Warum wird Kritik an der Erinnerungskultur geübt?
Mendel hat keine schnellen Antworten parat, sondern versucht die deutsche Befindlichkeit in ihrer Argumentationskette analytisch zu entschlüsseln. Als eines von vielen Beispielen wählt er die Reaktion des Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung Felix Klein auf die skandalöse Äußerung des palästinensischen Präsidenten Mahmut Abbas während seines Deutschlandbesuchs im Sommer 2022. Dieser behauptete, die Israelis hätten an den Palästinensern nicht einen, sondern gleich „50 Holocausts" verrichtet. Anstatt diese Behauptung als absolut falsch zu kommentieren, beklagte Felix Klein, dass das Verhalten des Präsidenten Abbas „jegliche Sensibilität gegenüber uns deutschen Gastgebern vermissen lasse." Doch darum geht es gar nicht! Die Reaktion des Sprechers der Bundesregierung wird durch Assoziationen gesteuert: „Antisemitismus ist das, was ich gerade fühle." Der Judenhass ist aber kein persönliches Problem, sondern eine objektive Realität, diagnostiziert Mendel.
„Über Israel reden" ist nominiert für den Deutschen Sachbuchpreis 2023. Ein wichtiges Buch, das zeigt, wo die Grenze zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus verläuft.
Sachbuch
Kiepenheuer & Witsch, 22,00 €
Bahrenfelder Str. 79,
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