Buchtipps März 2026

Lesetipp von Sybille Kramer:

Maylis de Kerangal: Brandung

Mein Buchtipp im April ist der Roman "Brandung" der französischen Autorin Maylis de Kerangal, von der ich bereits mit großer Begeisterung "Weiter nach Osten" gelesen habe. Darin ging es um einen jungen russischen Soldaten, der nicht in den Krieg ziehen will (erscheint im Juni endlich als Taschenbuch!).
Diesmal steht eine Frau im Mittelpunkt, die mit Mann und fast erwachsener Tochter in Paris lebt.

Sie erhält einen Anruf aus dem Kommissariat in Le Havre. Es wurde die Leiche eines Mannes gefunden, die noch nicht identifiziert werden konnte. Nun soll sie am nächsten Tag im Kommissariat erscheinen.  Es wäre eine Angelegenheit, die sie betreffen würde. Was für eine Verbindung zu ihr kann es geben?  Gibt es einen Zusammenhang mit ihrem Beruf als Synchronsprecherin?
Ich will den LeserInnen natürlich nicht zu viel verraten. Nur so viel: Es ist kein Krimi. Und es wird eine Reise in die Vergangenheit für die Protagonistin, denn Le Havre ist die Stadt, in der sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, bis sie zum Studium nach Paris ging und Le Havre den Rücken zukehrte. Könnte ihre erste große Liebe das Bindeglied zu dem Toten sein? Die Autorin verbindet virtuos die Geschichte der Ich-Erzählerin mit der Geschichte von Le Havre. Die Stadt am Ärmelkanal wurde im zweiten Weltkrieg von den Alliierten in den letzten Kriegstagen fast vollständig zerstört, um die deutschen Besatzer zu vernichten.
Die Ich-Erzählerin bleibt länger als ursprünglich gedacht, um mit sich ins Reine zu kommen und vergisst darüber fast den Geburtstag ihrer Tochter.
Maylis de Kerangal erzählt in einer sehr kraftvollen und rhythmischen Sprache. Wir riechen förmlich das Salzwasser und spüren die Kraft der Wellen, wenn wir die Protagonistin auf ihren Streifzügen durch den Küstenort begleiten. 

Übersetzung: Andrea Spingler

Roman

Suhrkamp Verlag, 25,00 €

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Lesetipp von Sigrid Lemke:

Stewart O`Nan: Abendlied

Emily, Arlene, Kitzi und  Susie, vier ältere Frauen in Pittsburgh sind der Humpty Dumty Club. Der Club ist eine Art Selbsthilfegruppe von und für alte Frauen. Alle kleinen und großen Katastrophen des Lebens werden geteilt, besprochen und geregelt.

Ob Schlafprobleme, beginnende Demenz, Herausforderungen mit Onlinedating, Corona oder Messietum - die Damen packen es an!
Stewart O‘Nan hat schon in seinen vorherigen Romanen gezeigt, dass er ein genauer Beobachter und Chronist der amerikanischen Mittelschicht ist. Er erzählt empathisch aber nicht sentimental von den Widrigkeiten des Älterwerdens und wie kaum ein anderer schafft er es, uns mit kleinen alltäglichen Geschichten die ganze Komplexität des Lebens nahe zu bringen und uns ganz wunderbar zu unterhalten!

Übersetzung: aus dem englischen von Thomas Gunkel

Roman

Rowohlt Verlag, 26,00 €

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Lesetipp von Sönke Christiansen:

Elizabeth Strout: Erzähl mir alles

Mit Erzähl mir alles kehrt Elizabeth Strout in ihr vertrautes literarisches Universum mit der Schriftstellerin Lucy Barton, dem Anwalt Bob Burgess und der knorrigen Olive Kitteridge ins winterlich verschlafene Küstenstädtchen Crosby in Maine zurück.

Doch die beschauliche Ruhe in Crosby wird gestört, als eine alte Frau spurlos verschwindet und Bob wieder als Anwalt tätig werden muss. Wie in vielen von Strouts Romanen besticht die Handlung durch das feine Geflecht aus Begegnungen, Erinnerungen und Gesprächen der Protagonisten. Strout verzichtet auf große Inszenierungen und zeichnet stattdessen glaubwürdige Charaktere, deren Leben sich in scheinbar beiläufigen Momenten entfaltet. Gerade diese Alltäglichkeit macht den Roman so eindringlich. Menschen erzählen einander ihre Geschichten – mal offen und voller Vertrauen, mal vorsichtig und zögerlich, immer getragen vom Wunsch, verstanden zu werden.

Der Titel wird so zum zentralen Motiv: Strout zeigt, wie sehr Menschen darauf angewiesen sind, gehört zu werden, und wie schwierig echte Verständigung dennoch bleibt. Einsamkeit erscheint dabei nicht dramatisch, sondern als leiser, alltäglicher Zustand. Gleichzeitig spielt Erinnerung eine große Rolle, sagbare und unsagbare. Die Protagonisten blicken zurück, nicht um zu urteilen, sondern um ihr Leben besser zu begreifen. Zugleich ist der Roman eine feine Beschreibung der amerikanischen Gegenwart nach überstanderer Corona-Pandemie und vor dem Hintergrund großer gesellschaftlicher Umbrüche.

Erzähl mir alles ist ein stiller, fein beobachteter Roman über Einsamkeit, Nähe und die Bedeutung von Geschichten. Wer sich auf diese leise Literatur einlässt, wird mit einem nachwirkenden, sehr menschlichen Buch belohnt.

Übersetzung: Übersetzt von Sabine Roth

Roman

Luchterhand Verlag, 25,00 €

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Lesetipp von Anne Schroeder:

Tanja Esch: Ulf und die entführte Lehrerin

In dem Comic “Ulf und die entführte Lehrerin” geht es um Ulf und seine
Detektivbande. Ihr Schulalltag wird plötzlich völlig auf den Kopf gestellt, als
ihre Klassenlehrerin Frau Süllmann nicht zum Unterricht erscheint. Statt der
Lehrerin finden die Kinder ein Erpresserschreiben, in dem gefordert wird: 495
Euro Lösegeld, keine Polizei, keine Erwachsenen. Frau Süllmann wurde also
entführt!
Während die Klasse versucht, Geld zu sammeln, beginnen Ulf und seine
Freunde selbst zu ermitteln. Sie suchen nach Hinweisen, stellen Vermutungen
an und verfolgen eigene Spuren. Dabei geraten sie in witzige und unerwartete
Situationen, in denen sie auch manchmal improvisieren müssen.
Die Geschichte bleibt spannend, weil lange unklar ist, was wirklich passiert ist
und überrascht mit ihrer Auflösung. Es zeigt sich, dass nicht alles so ist, wie
es zunächst scheint und es sich lohnt, auch die Beweggründe anderer zu
verstehen.
Der Comic ist für junge Leser:innen geeignet, die lustige Detektivgeschichten
mit Tiefgründigkeit mögen und ist das zweite Abenteuer von Ulf und seinen Freunden

Übersetzung:

Comic, ab 6 Jahre

Kibitz Verlag, 20,00 €

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Lesetipp von Annette Quest:

Anne Nesbet: Wir gegen die Wildnis


Endlich geht Vivians Traum in Erfüllung: Sie darf mit ihrer kleinen Schwester Amy und ihrem Cousin Owen zwei Nächte ohne Eltern in den Bergen Kaliforniens verbringen! Auch wenn es ihr noch lieber wäre, wenn die Erwachsenen nicht nur ein paar Kilometer entfernt ihr Zelt aufgeschlagen hätten, um zu Not zur Stelle zu sein. Vivian möchte das Gefühl, allein in der Wildnis zu sein, so richtig genießen - bevor sie nach den Ferien auf die Mittelschule wechseln wird, ein Gedanke, der sie bedrückt.

Aber dann bricht in der Nacht plötzlich ein Erdbeben über die Drei herein und verschüttet den Pfad, der zu ihren Eltern führt. Nun sind sie wirklich auf sich allein gestellt! Was sollen sie tun? Hier auf Hilfe warten oder den anderen Weg gehen, der steil den Berg hinauf und um den großen See herum führt? Lassen sich ihre Essensvorräte überhaupt so sehr strecken? Und welche Gefahren werden dort auf sie lauern?
Euch erwartet ein atemberaubendes Survival Abenteuer und ein heldenhafter Kampf gegen äußere wie innere 'Dämonen'. .

Übersetzt von Cornelia Panzacchi, mit Vignetten von Maximilian Meinzold.

Übersetzung:

Für Naturfans ab 10 Jahre

Thienemann Verlag, 14,00 €

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Lesetipp von Annette Quest:

Enne Koens: Zuhause ist woanders

Als Mirja von seinem Vater von der Schule abgeholt wird, ahnt er noch nicht, dass von nun an nichts mehr so sein würde wie zuvor. Denn sein Vater fährt ihn nicht nach Hause, und er erklärt auch nicht, wohin es stattdessen geht. Auch wirkt er sehr angespannt, sodass sich Mirja fragt, was um alles in der Welt geschehen ist.

Erst als sie nach Tagen eine Grenze passieren, bessert sich die Laune des Vaters plötzlich.
"Endlich, Mirza. Endlich. "
"Was, Papa?"
"Wir sind zu Hause."
Zu Hause. Das heißt dort, wo sein Vater aufgewachsen ist. Aber Mirjas Zuhause ist doch woanders!

Die so schön und poetisch geschriebene Geschichte der vielfach ausgezeichneten Autorin handelt von der Flucht in ein fremdes Land - diesmal umgekehrt zurück in das Heimatland des Vaters. Es geht um unsichtbare Freunde, Strichlisten und tierische Verbündete als Retter in der Not, bis Mirja endlich reale Freund:innen findet und so wirklich ankommen kann.

Aus dem Niederländischen übersetzt von Andrea Kluitmann, mit zarten, fantasievollen Illustrationen von Maartje Kuiper. 

Übersetzung:

Für fortgeschrittene Lesende ab 9 Jahre

Gerstenberg Verlag, 18,00 €

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Lesetipp von Anne Schroeder:

Lisa Fipps: Starfish

Der Roman “Starfish” erzählt die Geschichte der elfjährigen Ellie, die seit ihrer
Kindheit aufgrund ihres Gewichts ausgegrenzt und gemobbt wird. Um sich vor
verletzenden Kommentaren und Ablehnung zu schützen, lebt sie nach ihren
selbst aufgestellten „Dicke-Mädchen-Regeln“. Diese Regeln sollen ihr helfen,
möglichst unsichtbar zu bleiben und keine Angriffsfläche zu bieten.
Ellies Alltag ist geprägt von Unsicherheit, Einsamkeit und dem Wunsch,
akzeptiert zu werden. Besonders belastend ist für sie das Verhalten ihrer
Mutter, die wenig Verständnis zeigt und Ellies Probleme oft herunterspielt. Halt
findet Ellie dagegen bei ihrem Vater und später auch bei einer Therapeutin,
die ihr hilft, ihre Gefühle einzuordnen und über ihre Erfahrungen zu sprechen.
Als Ellie ihre neuen Nachbarn kennenlernt, die sie so akzeptieren, wie sie ist,
beginnt sie langsam, an sich selbst zu glauben. Schritt für Schritt hinterfragt
sie ihre Regeln und lernt, für sich einzustehen.
“Starfish” ist ein empfehlenswertes Buch für alle Leser:innen im Alter von elf
bis vierzehn Jahren, die einfühlsame, ehrliche und stärkende Geschichten
mögen.
Ein besonderes Merkmal des Buches ist die Sprache. Die Geschichte ist nicht
als Fließtext geschrieben, sondern besteht aus kurzen Zeilen. Dadurch lässt
sich das Buch leicht lesen und Ellies Gedanken und Gefühle werden klar und
eindringlich vermittelt.

Übersetzung: Meritxell Janina Piel

Jugendbuch, ab 11 Jahren

Hanser Verlag, 17,00 €

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Lesetipp von Eva Lorenzen:

Ann-Helén Laestadius: Die Rückkehr der Rentiere

Marina kehrt nach einem Jahr in Stockholm voller Sehnsucht in ihre Heimatstadt Kiruna im Norden Schwedens zurück.

Kaum angekommen, muss die junge Frau feststellen, dass sich seit ihrer „Flucht“ in die Hauptstadt nichts geändert hat und sie läuft Gefahr in die alten ungesunden Verhaltensmuster zurückzufallen, die sie seit ihrer Kindheit prägen.Die Mutter, eine Sami, bringt der Tochter weder Sprache noch Kultur ihrer Herkunft näher, um Marina vor Diskriminierung in der schwedischen Gesellschaft zu schützen. Das führt dazu, dass sie sich bei Besuchen im Dorf der Großeltern ausgeschlossen fühlt und diese in der Stadt verleugnet.

Außer dem Vater gehört seine ganze Familie den Laestadianern an, einer streng konservativen christlichen Glaubensgemeinschaft, deren Hauptaugenmerk auf Schuld und Sühne liegt. Jeder noch so kleine Ausbruchsversuch aus dieser Welt , die unter  anderem auch Musik , Tanzen und Schminken als Verstoß gegen Gottes Gesetze versteht, endet mit extremen Vorhaltungen des Prediger Onkels und seiner Frau und Marina befindet sich  daher in einem Strudel aus Schuldgefühlen und Scham.

Bei ihren Eltern bekommt die Heranwachsende keine Unterstützung, denn die beiden entziehen sich den heiklen Themen und verdrängen alle Probleme. Nach dieser Kindheit und Jugend des Schweigens und Weglaufens, begleitet von einer ständigen Übelkeit, beginnt Marina nun doch Fragen zu stellen und in ganz kleinen Schritten einen Weg zu einem selbstbestimmten Leben zu beschreiten!

Die Schwedin Ann-Hélen Laestadius, selbst gebürtige Sami, beschreibt erneut die Lebensumstände der Indigenen Nordeuropas der 1980-2000 Jahre. Den langen und schweren Prozeß , nach Jahrezehnten  der Ausgrenzung und Diskriminierung ,das kulturelle Erbe anzunehmen und mit Stolz zu tragen. Der Einblick in die Bewegung der Laestadianer und besonders ihr Einfluß auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist erschreckend!

Übersetzung: aus dem Schwedischen von Maike Barth und Dagmar Mißfeldt

Roman

Hoffman und Campe, 28,00 €

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Lesetipp von Lena Meyer:

Marco Balzano: Bambino

Im Grunde tragen zwei Figuren diese Geschichte: Uhrmacher Gregori und seine Sohn Mattia. Nachdem Adriano, Mattias Bruder, nach dem 1. Weltkrieg ausgewandert ist und Donatella, die Mutter, früh verstirbt, müssen die beiden auch damit umgehen, was Donatella Mattia von ihrem Sterbebett aus anvertraut. Sein Vater würde das nie offenlegen aber sie tue es jetzt noch: Mattias Mutter sei nicht sie, Donatella, sondern eine andere ihr unbekannte Frau. Die Information entfacht Antrieb und Wut zugleich in Mattia, er lässt darin seinen Kindheitsfreund Ernesto zurück und sich mit den Faschisten ein.
Mit angehaltenem Atem verfolgen wir Leser*innen den vor Gewalt kaum Halt machenden Weg Mattias und lernen dabei enorm viel über die Geschichte Triests in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Was für ein intensiver und besonderer Roman!

Übersetzung: aus dem italienischen von Peter Klöss

Roman

Diogenes Verlag, 25,00 €

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Lesetipp von Lena Meyer:

Svenja Leiber: Nelka

Eine Person kündigt sich per Brief bei einem Gutsbesitzer in Norddeutschland an. Damit beginnt Svenja Leiber ihren neuen Roman, der soeben erschienen ist.

Aus dem Brief wird nichts über die Beziehung zwischen den beiden deutlich und wir Leser*innen erfahren ebenso nichts über die innere Reaktion des Gutsbesitzers, müssen versuchen, uns über sein äußeres Verhalten ein Bild zu machen. Das erzeugt eine Spannung, die den gesamten Roman über anhält, auch wenn die Erzählung von der Ankunft Nelkas, der Absenderin, bald immer wieder durchbrochen wird, indem zu einem Apfelveredler und seiner Tochter 1941 in Lemberg geschwenkt wird. Die beiden leben dort in einer vielfältig kulturell geprägten Gesellschaft, bis die Tochter auf einem Heimweg von den deutschen Besatzern verschleppt wird und ihr Vater als Jude ermordet.

Svenja Leiber, in Hamburg geboren und in Schleswig-Holstein aufgewachsen, hat mit Nelka einen absolut einnehmenden und eindringlichen Roman geschrieben, der fest verortet ist und zeitlos wirkt. So, SO gut!

Wir sind daher sehr glücklich, dass Svenja Leiber unsere Einladung angenommen hat und am 19. Mai auf ihrer Lesereise bei uns Station machen wird.

Übersetzung:

Roman

Suhrkamp Verlag, 24,00 €

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