Buchtipps September 2026

Lesetipp von Eva Lorenzen:

Dörte Hansen: Broder

Der ältere Sohn übernimmt den Hof. So auch bei Familie Bahnsen, allerdings handelt es sich hier um den nur ein paar Minuten älteren Zwilling Henning.
Der jüngere Broder, vermeintlich der bessere Kandidat, verlässt frustriert das Dorf, eilt aber nach einem Schicksalsschlag innerhalb der Familie sofort zu Hilfe und lässt sich, nur ein paar Kilometer entfernt, schließlich als Tierarzt nieder.
 
So vergeht die Zeit zwischen Familie, Beruf, Treffen der alten Clique und Einsätzen als Veterinär auf dem familieneigenen Hof, die als selbstverständlich gesehen werden.
Die nächste Generation steht schon in den Startlöchern und beäugt ihre Eltern kritisch, sie probiert eigene Wege, um in der modernen Arbeitswelt zu bestehen und den Anforderungen gerecht zu werden.
Broder und Henning, nun Ende fünfzig, sich äußerlich so ähnlich, agieren aber gänzlich unterschiedlich, als es darum geht, die nächsten Schritte in die Zukunft zu gehen.
 
Mit wunderbaren Bildern aus dem Jahreszyklus einer norddeutschen Küstenregion verknüpft die Autorin virtuos das gegenwärtige Leben der Familie Bahnsen.
Zur Zeit mein Lieblingsbuch!

Übersetzung:

Roman

Penguin, 26,00 €

Buch im Online-Shop


Lesetipp von Sybille Kramer:

Per Petterson: Nach Hause kommen

Per Petterson ist einer der ganz großen und mit vielen internationalen Preisen ausgezeichneten norwegischen Autoren. Ich muss gestehen, dass es mein erster Roman von ihm war. Was für ein Versäumnis! Der 1952 in Oslo geborene Autor hat einen ganz eigenen Stil. In seinem neuen Roman "Nach Hause kommen" schreibt er über Kasper, einen Schriftsteller um die 70 Jahre, der auf die beiden großen Liebesbeziehungen in seinem Leben zurückblickt. Damals, in seinen Dreißigern, ist er glücklich mit Inger verheiratet und lebt mit ihr und den beiden Kindern in einer Neubausiedlung vor den Toren Oslos. Inger und Kasper arbeiten beide im Schichtdienst. Er sitzt nach der Arbeit todmüde im Nachtbus nach Hause. Das Leben ist nicht immer einfach, aber er ist zufrieden. Bis er sich in Ingers beste Freundin Signe verliebt. Er ist nicht in der Lage, seine Gefühle in Worte zu fassen und am Ende verliert er beide Frauen.
Rückblickend versucht Kasper, sich über seine Entscheidungen und Versäumnisse klar zu werden. Als Schriftsteller ist er jetzt besser in der Lage, seine Gefühle in Worte zu fassen. Über den Szenen und Situationen, über die er nachdenkt, schwebt eine gewisse Melancholie, die aber nie in Selbstmitleid abrutscht. Petterson skizziert sehr fein und zärtlich die Emotionen seiner Figuren. Für diesen, nur 200 Seiten kurzen Roman, möchte ich eine besonderere Leseempfehlung aussprechen. 

Übersetzung: Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger

Roman

Hanser Verlag, 24,00 €

Buch im Online-Shop


Lesetipp von Lena Meyer:

Lena Müller: Club der Verschwenderinnen

In ihrem zweiten Roman erzählt Lena Müller auf nur 150 Seiten im Grunde viel mehr als nur eine Geschichte: Eli wohnt mit ihrem Sohn Esra in Berlin und arbeitet als Übersetzerin, meist von zu Hause aus. Sie haben einen gut eingespielten Alltag, der Eli in seiner Routine aber auch eng werden kann. An ein paar brütend heißen Sommertagen spitzt sich Einiges zu: Es kommen weniger Aufträge vom Verlag und aus Elis privaten Experimenten mit KI als Sparringspartner beim Übersetzen wird etwas, das sich real gegen sie wendet. Ein paar Etagen tiefer, in der Nachbarschaft bietet Gundas Kneipe Zuflucht – gegen die Hitze und für ein anderes Miteinander.

Richtung Ende des Sommers nimmt Gunda Eli und Esra mit zu Claudes Laube aufs Land. Gunda und Claude kennen sich seit den ersten Tagen der Kneipe, haben dort Anfang der 1990er mit anderen Frauen Kunstausstellungen organisiert und neue Arbeitsmodelle erdacht. Auf dem Land gibt es einiges zu tun und zu ernten. Eli und Esra unternehmen, nahezu heimlich, auch eigene Streifzüge.

In ihrer leicht distanzierten klaren Sprache zeigt Lena Müller ganze Lebensrealitäten, brisante Gegenwart und neue Welten. Ein funkelnder kleiner Roman!

Übersetzung:

Roman

Edition Nautilus , 22,00 €

Buch im Online-Shop


Lesetipp von Anne Schroeder:

Cornelia Funke: Emma glaubt nicht an Feen

In Cornelia Funkes neuem Buch „Emma glaubt nicht an Feen" geht es um die elfjährige, naturbegeisterte Emma, die viel lieber draußen im Grünen unterwegs ist, als zur Schule zu gehen. Auf einer ihrer Expeditionen folgt sie einem sonderbaren Insekt tief in ein Brombeerdickicht und entdeckt dort eine völlig andere Welt. Damit nicht genug: Nach einem Stich ist Emma plötzlich nur noch so groß wie eine Maus und umgeben von Feen. Die sind alles andere als begeistert, dass ein Mensch in ihre geheime Welt eingedrungen ist. Weder wollen sie Emma helfen, den Weg nach Hause zu finden, noch wollen sie sie vor gefräßigen Wildtieren beschützen. Nur drei kleine Feen haben Mitleid und stehen ihr bei, auch weil Emma sie an jemanden erinnert. Aber an wen? Schaffen sie es, nicht nur Emma, sondern gleich das ganze Feenreich zu retten und will Emma überhaupt wieder zurück nach Hause?

„Emma glaubt nicht an Feen" ist ein tolles Abenteuer zum Selber- oder Vorlesen für Kinder ab 7 Jahren, die spannende Fantasy-Geschichten mit Naturbezug mögen.

Illustrator: Elias Linnekuhl

 

Übersetzung:

Kinderbuch, ab 7 Jahre

Insel Verlag , 18,00 €

Buch im Online-Shop


Lesetipp von Annette Quest:

Nils Mohl: Die Insel der Schlasocks

Früher, da hat Jasper gern mit Honz gespielt, der die Ferien meist bei seinem Großvater verbringt. Doch seit einiger Zeit interessiert Honz sich nur noch für seine technischen Endgeräte. Das muss sich unbedingt ändern, findet auch Honz' Großvater und will ihn in ein Sommercamp schicken. Das will sein Enkel aber auf gar keinen Fall und überredet Jasper, an seiner Statt zu gehen. Das passt dem wiederum ganz gut in den Kram, weil er sich zu Hause sowieso gerade unerwünscht fühlt.

Und damit beginnt die eigentliche Geschichte: Denn besagtes Sommercamp entpuppt sich als die Insel der Schlasocks mitten im Meer der Langeweile. Jasper hat es nicht leicht, von den eigenartigen mürrischen Wesen akzeptiert zu werden. Und erst recht nicht damit, sie aus der Reserve zu locken. Denn im Gegensatz zu den 'Wilden Kerlen' von Maurice Sendak wollen die felligen Schlasocks, die vogelartigen Schnarnass und die robbenähnlichen Trütass nicht spielen, toben und ganz laut brüllen. Sie möchten nur faul herum liegen und am liebsten einfach in Ruhe gelassen werden. "Bloß kein Wirbeltamtam", knurrt Schäff Laso.
Aber dann  machen sie doch mit bei 'Dies, das, Quatsch und Spaß' und erste Freundschaftsbande werden geschlossen.

Nur, fragt sich Jasper,  warum schwankt die Insel, wenn sie herumspringen und tanzen? Wieso hängt da eine dicke rostige Ankerkette im Wasser? Und was hat es nun wirklich mit den Schlasocks auf sich? Das alles klärt sich erst, als auf einmal auch Honz mit Drohnatella zur Insel geflogen kommt ...

Das erste Kinderbuch von Nils Mohl - nach seinen zahlreichen ausgezeichneten Jugendbüchern - ist eine sehr witzige und berührende Geschichte sowohl für träge Schlasocks als auch für aufgeweckte Abenteurer ab 8 Jahren.

Aufgepasst: Am 18. Oktober kommt Nils Mohl zu uns in die Buchhandlung und liest aus seinem Buch! Der Eintritt ist frei. Wir kooperieren mit dem Arbeitskreis Lesekompetenz Altona.
Am besten gleich einen Platz reservieren! 

Übersetzung:

ab 8 Jahren

DTV, 15,00 €

Buch im Online-Shop


Lesetipp von Sigrid Lemke:

Andrea Offermann: Herr Werner wird zum Dieb

Wilhelm Werner war ab 1914 Hausmeister in einem ganz besonderen Gebäude: der Hamburger Kunsthalle.
Er kümmerte sich natürlich um das Gebäude, aber er half auch den Künstler:innen, u.a. beim Rahmenbau.
Mit einigen freundete er sich an und bekam von ihnen zum Dank Bilder geschenkt. Als die Nazis beschlossen, dass „Entartete Kunst“ nicht in Museen gehört, sollte eine Kommission diese aufspüren und vernichten. Und nun greift Herr Müller ein: Er stiehlt 7 Gemälde von Anita Rhee und versteckt sie in seiner Dienstwohnung in der Kunsthalle. Er weiß genau, dass er sich und seine Familie in Gefahr bringt, wenn die Gemälde bei ihm entdeckt werden.
Aber es geht gut und nach dem Krieg werden die Gemälde plötzlich wieder im Depot entdeckt.
 
Andrea Offermann hat eine beeindruckende Graphic Novel über einen stillen Helden geschrieben und gezeichnet. Diese wahre Geschichte über Zivilcourage, Kunst und Geschichte ist packend erzählt und vermittelt Wissen auf eine wunderbare Art.
Selten fand ich den Anhang eines Buches so spannend wie in diesem Buch. „Herr Müller wird zum Dieb“ ist für Kinder ab 10 und für Erwachsene ein Gewinn!
 

Übersetzung:

Kinderbuch, ab 10 Jahren

Carlsen Verlag, 15,00 €

Buch im Online-Shop


Lesetipp von Annette Quest:

Stefanie Taschinski: Die Mutsammlerin

Mut ist etwas, von dem Emmi gern mehr hätte. Viel mehr. Dann hätte sie sich zum Beispiel getraut, mit ihrer Freundin Lieke zusammen in den Urlaub zu fahren. Oder sie hätte nicht wie versteinert da gestanden, als der kleine Ginaro von größeren Jungs mit voller Absicht umgeschubst wurde. Kein Wunder, dass dessen ältere Schwester Bianca von Emmi zuerst nichts wissen will. Emmi möchte die Ferien unbedingt dazu nutzen, mutiger zu werden. Nur wie?

Eines Nachts hört sie Geräusche und schleicht auf Opas Dachboden, obwohl der ihr das verboten hat. In einem alten Ofen entdeckt sie nicht nur einen kleinen Siebenschläfer, sondern auch ein richtig altes Tagebuch. Gebannt liest Emmi nun jede Nacht die Aufzeichnungen von Elsa, die ihre Ururgroßmutter war. Sie erfährt, dass im Deutschland der 1930er Jahre schon ein falsches Wort lebensgefährlich sein konnte. Und wie es Elsa schaffte, trotz ihrer Angst mutig zu sein.

Die großartige Kinderbuchautorin Stefanie Taschinski hat hier ein ganz besonders berührendes Buch über Zivilcourage geschrieben. Sie verknüpft die wahre Geschichte der Familie Esser mit heutigen Situationen, die großen Mut erfordern. Und Bea Davies hat die Geschichte mit ihren einzigartigen Illustrationen verfeinert!

Übersetzung:

ab 10 Jahren

Fischer Sauerländer, 15,00 €

Buch im Online-Shop


Lesetipp von Nicole Christiansen:

Dana Vowinckel: Anton und Alma

Alma und Anton begegnen sich zum ersten Mal in Frankreich, wo beide als Austauschschüler sind. Während Alma sich heimlich in Anton verliebt, nimmt er sie zunächst kaum wahr. Anton bricht seinen Auslandsaufenthalt vorzeitig ab und kehrt nach Berlin zurück.

Jahre später begegnen sie sich zufällig dort wieder - zuerst in der Mensa, später in der U-Bahn. 

Damit beginnt die Geschichte einer Liebe zwischen zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Anton ist Jude. Er arbeitet an seiner Magisterarbeit über die Massenkonversion der Chasaren zum Judentum. Er stammt aus einer akademisch geprägten Familie. Seine Großeltern leben jeweils in New York oder Haifa. Er selbst wächst bei seinen Eltern in einer mit Büchern vollgestopften Altbauwohnung in West- Berlin auf.
Alma dagegen lebt mit ihrer Mutter Bettina, Stiefvater Dirk und ihren beiden Halbgeschwistern in Biesdorf/Marzahn. Sie vermisst ihren „richtigen Vater“ und Oma Lore, die beide bereits verstorben sind.
Anton führt Alma in sein jüdisches Leben hinein. Er lädt sie gemeinsam mit seinen Eltern zum Schabbes ein und nennt sie zärtlich „Almi“.
Während Alma zunächst mit ihrer eigenen Herkunft hadert, öffnet sie sich zunehmend dem Judentum. Sie feiert die jüdischen Feste und besucht schließlich die Synagoge auch ohne Anton.
Als Anton für ein Stipendium an die Columbia University in NY geht, findet Alma in einer jüdischen Gemeinde in Berlin Freunde und ein starkes Gefühl der Geborgenheit.
Die Geschichte steuert schließlich auf den 7. Oktober 2023 zu. Der Autorin Dana Vowinckel gelingt es in ihrem umfangreichen Roman, die unterschiedlichen Perspektiven auf diese unfassbare Tragödie und ihre Folgen sichtbar zu machen. Dabei richtet sie den Blick nicht nur auf das Leid der Israelis, deren Angehörige getötet und als Geiseln unter schlimmsten Bedingungen entführt wurden. Sie schaut auch auf die Opfer des Gaza-Krieges und die Menschen in Palästina.
Aus all diesem Schmerz entsteht eine zutiefst berührende Liebesgeschichte,  vielschichtig, klug und an keiner Stelle kitschig. 

Mein Buch, das ich Euch allen gerne ans Herz legen möchte.

Übersetzung:

Roman

Suhrkamp, 26,00 €

Buch im Online-Shop


Lesetipp von Eva Lorenzen:

Sonya Walger: Löwe

Sonya Walger ist ein grandioses Debüt gelungen:

In dem autobiographisch geprägten Roman, erzählt die Autorin über das jahrelange zwiespältige Verhältnis zu ihrem „Löwe“ genannten Vater.
Einerseits sehnt sie sich nach diesem besonderen, charismatischen Mann, andererseits  überfordert sie die Intensität ihrer Treffen, sei es bei seiner neuen Familie, im Internat, oder in seiner Heimat Argentinien.
 
Erst spät schaut sie hinter die Kulisse dieses Lebemannes, Ex-Sträflings, Drogenabhängigen, Hochstaplers etc., seinen Einfluss auf ihr eigenes Leben und zeichnet trotzdem ein liebevolles Porträt, fern von jeglicher Abrechnung. Dieser Aspekt macht für mich die besondere Stärke des Buches aus!

 

Übersetzung: Aus dem Englischen von Tanja Handels

Roman

Suhrkamp, 24,00 €

Buch im Online-Shop


Lesetipp-Archiv

Bahrenfelder Str. 79, 22765 Hamburg
040 390 20 72
ed.nesnaitsirhc-gnuldnahhcub@ofni

Öffnungszeiten
Montag - Freitag 10.00 - 19.00 Uhr
Samstag 10.00 - 18.00 Uhr