Buchtipps Juni 2026

Lesetipp von Lena Meyer:

Lukas Rietzschel: Sanditz

Vielerorts ist dieser Roman schon besprochen und empfohlen worden. Ich reihe mich ein, wobei ich vorausschicken will, dass mich nicht erst die Lobeshymnen ("Deutschsprachiger Roman des Jahres", Eva Menasse ) zu Sanditz gebracht haben, sondern schon die Ankündigung seines Erscheinens. Wie Rietzschels Vorgängerroman Raumfahrer schon führt uns Sanditz an einen Ort in der Lausitz. Eine mittelgroße Stadt, die wir zu verschiedenen Zeiten betreten; die Handlung spannt sich zwischen den späten 1970ern und ca. 2022. Zentral ist die Familie Wenzel, besonders: Großmutter, Vater, Mutter und Tochter, die mit ihren Biografien eine Art inneren Kern des Romans bilden. Darum bilden sich die Stadt mit ihren durch den Tagebau sich verschiebenden Ausläufern und Vororten, Wenzels Bekannte, Freude, die Nachbarschaft sowie Ereignisse bzw. Fixpunkte innerhalb der jeweiligen Generationen, zum Beispiel die Kirchengemeinde. Und erstaunlich finde ich nun, wie sich der Roman nach dem Lesen in meinem Kopf immer wieder neu wendet, also gewissermaßen in Bewegung und lebendig bleibt.
Es ist eine Menge Stoff, den Lukas Rietzschel erzählt, auf dem Vorsatzpapier des Buches gibt es aber ein Personenverzeichnis und eine Karte und die eher kurzen Kapitel sind mit Jahreszahlen überschrieben, sodass die Orientierung leicht fällt. Und während für uns Leser*innen die eine oder andere Episode zunächst anscheinend unverbunden aus der Handlung herausfallen mag, lesen wir einen vielschichtigen Schmöker, der die Kraft hat, nach der letzten Seite weiter zu beschäftigen. 

Übersetzung:

Roman

DTV, 26,00 €

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Lesetipp von Nicole Christiansen:

Luca Tortolini: Mein Hund und ich

Dieses Buch richtet sich an alle, die sich aus ganzem Herzen einen Hund wünschen.

Auch wenn einiges dagegen spricht, wird Euch dieses wunderbar illustrierte Buch einen Weg weisen, wie ihr Euch euren sehnlichen Wunsch erfüllen könnt.

Es ist im Grunde ganz einfach! Ihr müsst nur auf eine Fähigkeit vertrauen, die vor allem die Kinder im grossen Maße besitzen.

Die Fantasie! Lasst Euch überraschen.

Illustrationen von Felicita Sala

Übersetzung: Aus dem Französischen von Maren Illinger

Bilderbuch

DTV, 15,00 €

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Lesetipp von Lilli Biskamp:

Douglas Stuart: John of John

Douglas Stuart erzählt von Cal, der nach seinem Studienabschluss pleite und planlos aus Edinburgh auf seine Heimatinsel zurückkehrt. In die raue Welt der Äußeren Hebriden: Schafwolle, windgepeitschte Moorlandschaften, Kirchenlieder und unausgesprochene Erwartungen. Sein Vater John verkörpert ein Männlichkeits- und Pflichtverständnis, das keine Abweichung duldet: religiös fundiert, traditionsgebunden, unnachgiebig. Wie also könnte Cal ihm von seiner Sehnsucht nach einem Mann erzählen?

Die beiden sind sich nah und wissen dennoch kaum etwas voneinander. Das ist das eigentliche Herz dieses Romans. Douglas führt Figuren vor, die man als Leserin oder Leser am liebsten schütteln möchte: gefangen zwischen Glauben, strengen Normvorstellungen, Pflichtgefühl und verdrängten Wünschen, schweigen sie beharrlich über genau das, was dringend gesagt werden müsste. Einzig Ella, Cals Großmutter, scheint die innere Verfasstheit der Menschen um sie herum wirklich zu durchschauen und ist damit oft die hellsichtigste Figur im Raum.

Zurück auf dem Hof, auf dem er aufwuchs, hilft Cal beim Treiben der Schafe über karge Hügel, sitzt nächtelang am Webstuhl und webt gemeinsam mit seinem Vater den berühmten Tweed. Das Leben zieht ihn wieder ein, bevor er sich dagegen wehren kann. Allmählich beginnt er, die Nähe von Innes zu suchen, dem stillen, sanftmütigen besten Freund seines Vaters.

Ein Buch, dessen Stimmung einen noch tagelang begleitet und dessen Figuren man, kaum hat man die letzte Seite umgeblättert, bereits vermisst.

Übersetzung:

Roman

Hanser, 26,00 €

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Lesetipp von Anne Schroeder:

Elin Lindell: 12 Süssigkeiten und 2 Todesfälle

“12 Süßigkeiten und 2 Todesfälle” von Elin Lindell erzählt die Geschichte des stillen und sehr schüchternen Jungen Uno.

Eines Tages bittet Unos Vater Uno, ihn ins Krankenhaus zu begleiten, um Roffe zu besuchen, der schwer krank ist und bald sterben wird. Obwohl Roffe nicht sein richtiger Opa ist, gehört er für Uno trotzdem zur Familie.

Auf der Palliativstation lernt Uno das Mädchen Katjes kennen, die mutig, fantasievoll und ganz anders ist als die Kinder aus seiner Schule oder dem Hort. Bei ihr kann Uno so sein, wie er wirklich ist, und fühlt sich nicht „falsch“, wie bei vielen anderen Menschen. Während die Erwachsenen Abschied nehmen, verbringen die beiden ihre Zeit mit fantasievollen Spielen. In Katjes’ Gegenwart fühlt sich Uno immer wohler und beginnt, sich zu öffnen.

Unos Vater hingegen hat Katjes noch nie gesehen und vermutet deshalb, dass sie gar nicht existiert, sondern nur ein Teil von Unos Fantasie ist. Kurz darauf verschwindet Katjes tatsächlich. Nach einer erfolglosen Suche beginnt auch Uno zu zweifeln, ob seine beste Freundin wirklich existiert hat oder ob er sie sich nur eingebildet hat.

Das Buch “12 Süßigkeiten und 2 Todesfälle” verbindet ernste Themen wie Krankheit und Tod mit Humor und Fantasie. Die Geschichte zeigt, wie Menschen durch Freundschaft Mut finden können und dass selbst traurige Situationen zusammen leichter werden.

Übersetzung: aus dem Schwedischen von Katharina Erben

Kinderbuch, ab 8 Jahre

Klett Kinderbuch Verlag, 16,00 €

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Lesetipp von Lena Meyer:

Daniela Dröscher: Sprechen

Jetzt, im Frühjahr 2026, ist die Reihe Leben im Hanser Verlag komplett. Zehn schlanke Bände verfasst von zehn verschiedenen Autor*innen über zehn maßgebliche Aspekte des Lebens. Alle zehn habe ich noch nicht gelesen. Jedenfalls: Nach Streiten, Arbeiten und Reisen ist auch Sprechen für mich direkt ein Lieblingsbuch geworden.

In einem dramengleichen Aufbau von fünf, auch "Akte" genannten, Kapiteln nebst Prolog und Epilog stellt Daniela Dröscher darin zunächst fest, dass für sie Sprechen auch durch Missverständnisse definiert ist. Und beginnt mit einer Begebenheit aus ihrer Kindheit, an die jede*r Leser*in gleich mit eigenen Beispielen anknüpfen kann. Überhaupt ist das eine Stärke dieses Buchs: Der Text setzt um, was seine Autorin an ihrem Beispiel behauptet: Er bespricht mit seinen Leser*innen, wie es gelingen kann und gelungen ist, einander im Sprechen zu verstehen und stets das eigene Sprechen zu erweitern. 

Übersetzung:

Essay

Hanser Verlag, 20,00 €

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Lesetipp von Eva Lorenzen:

Daniel Faßbender: Heaven's Gate

Den ehemaligen deutschen Profisurfer „Caruso“ hat es nach seinem abrupten Karriereende auf eine philippinische Insel verschlagen. Neben regelmäßigen alkoholisierten Abstürzen und der Suche nach der perfekten Welle, verdingt er sich mehr schlecht als recht als Privatdetektiv.

Eines Tages steht die wohlhabende und charismatische Ángel vor seiner Hängematte und ehe er sich versieht, hat er den Auftrag, ihren Sohn Juan zu suchen: Der junge Mann ist seit zwei Wochen verschwunden.

Schon bald stellt Caruso fest, dass die ganze Sache eine Nummer zu groß für ihn ist, denn er gerät immer tiefer in ein mörderisches Komplott aus Drogen und Politik, aus dem es für ihn keinen Ausweg zu geben scheint.

Zeitgleich wird die ehemalige Hamburger Kiezgröße Dietmar „Diego“ Miehle nach zwanzig Jahren aus der Haft entlassen und schaltet sich überraschend in das Geschehen ein.

Ein spannender Krimi mit einem herrlich abgerockten Ermittler, viel südostasiatischem Lokalkolorit und einer lässigen Lehrstunde über das Surfen.

Übersetzung:

Krimi

Diogenes, 19,00 €

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Lesetipp von Nicole Christiansen:

Dror Mishani: Nicht

Vor wenigen Tagen erschien der neue Roman „Nicht“ von Dror Mishani, den ich mir sogleich schnappte. Im Jahr 2019, als ich für ein paar Monate in Israel lebte, entdeckte ich mit „Drei“ die überraschende Erzählkunst dieses Autors. Ich las und sah mit seinen Augen den heruntergekommenen Teil des Südens von Tel Aviv und fühlte spürbar die Erschöpfung der drei dort lebenden Protagonistinnen. Die Geschichte entwickelte sich zu einem unfassbar spannenden Krimi, der mir damals sehr nahe ging.

Im neuen Roman geht es um Eli, 52 Jahre alt, Witwer. Er übersetzt Romane aus dem französischen und erkennt in der KI eine Bedrohung für seine Arbeit. Ab und zu verabredet er sich mit Frauen. Es sind flüchtige Begegnungen - bis ihm die Musikerin Lia bei Freunden begegnet. Das Glück scheint ganz nah zu sein. Wäre da nicht Felix, Lias Hund. Es ist ein Kanaan-Hund, der misstrauisch die Zähne fletscht und ihn aggressiv anbellt. Doch auch diese Hürde meistert Eli und bald ist er kein Gast für eine Nacht mehr. „… entdeckst du, als du ins Badezimmer kommst, eine Zahnbürste mit blauen Borsten, die im grünen Wasserglas auf dem Waschbecken steht und die roten Borsten von Lias Zahnbürste küsst - und hast zu Recht keinen Zweifel, dass sie die beiden so arrangiert hat.“

Dennoch scheint sich etwas Bedrohliches über Elis unverhoffte Liebe zu legen: Ein Geheimnis von großer zerstörerischer Kraft!

Dieser Roman ringt intensiv mit der Frage um die richtige Entscheidung, so wie wir es von den großen israelischen Autor:innen wie Ayelet Gundar-Goshen, Yishai Sarid oder Zeruya Shalev u.a. kennen und schätzen.

Übersetzung: Aus dem Hebräischen von Markus Lemke

Roman

Diogenes Verlag, 25,00 €

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Lesetipp von Britta Hansen:

Florence Knapp: Die Namen

Drei Namen, drei Lebenswege

Was passiert, wenn Cora sich dem Willen ihres Mannes widersetzt und den gemeinsamen Sohn nicht Gordon, sondern Bear oder Julian nennt?

Und was geschieht mit Cora, wenn sie nicht aufbegehrt, und Gordon wie angeordnet nach seinem Vater und Großvater benennt?

Die Engländerin Florence Knapp spielt in ihrem Debutroman, der sofort nach Erscheinen die internationalen Bestsellerlisten erobert hat, drei verschiedene Szenarien durch. Drei Lebensläufe einer Frau, die häuslicher Gewalt ausgesetzt ist. Äußerst gefühlvoll und vielschichtig widmet sich die Autorin einem der zentralen Themen unserer Gesellschaft: Wenn Männer zu Hause brutal ihren Willen durchsetzen, greift das nicht nur die Frau, sondern auch die Kinder an. Aber weil es im Leben immer auch eine Wahl gibt, ist es zugleich beklemmend und hoffnungsvoll, die sich daraus ergebenen Entwürfe zu verfolgen. Denn die Wahl des Namens bestimmt nicht nur das Schicksal des Sohnes, sondern auch die Schicksale seiner Mutter und Schwester. Ein klug konstruierter Roman, dessen Geflecht aus Geschichten geschickt verwoben ist.

Übersetzung: Aus dem englischen von Lisa Kögeböhn

Roman

Eichborn Verlag, 24,00 €

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Lesetipp von Annette Quest:

Eva Kranenburg: Freunde

Ein Plädoyer für die Menschlichkeit!
Ich-Erzähler Ren, Tarek, Nata und der kleine Tuk leben in einem Land, das gerade einen Krieg verloren hat. Sie haben keine Eltern mehr und schlagen sich Tag für Tag durch. Aber sie haben einander, hier dürfen sie sein, wie sie sind. Mit all ihren schlimmen Erinnerungen, ihrer Scham, ihrer Schuld.
Doch dann drängt sich Joschi in ihre Gemeinschaft, der anders ist, kalt und berechnend. Er stellt ihren Zusammenhalt auf eine harte Probe...

Eva Kranenburgs Roman war noch gar nicht erschienen, da wurde er bereits mit dem Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg ausgezeichnet. Zu Recht! Die Autorin verwebt darin ein hartes Thema auf eine ungeheuer leichtfüßige und einfühlsame Weise.
Kann man den Hass auf ein Volk überwinden, gegen das man kämpft? Kann man lieben, wenn man Missbrauch, Gewalt erlebt hat, wenn man erfahren hat, wozu der Mensch fähig ist?
Ab 14 Jahren. 

Übersetzung:

Fischer Sauerländer, 18,90 €

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Lesetipp von Anne Schroeder:

Matthew Diffee: Zipp Zapp Wiggedi Wagg

Matthew Diffee: Zipp Zapp Wiggedi Wagg
In dem ersten Bilderbuch “Zipp Zapp Wiggedi Wagg” des Cartoonisten
Matthew Diffee stehen die Tiere eines Bauernhofs vor einem ungewöhnlichen
Problem: Während die Kuh, das Schwein und der Hahn jeweils ihr eigenes
Geräusch haben – „Muh“, „Oink“, „Kikeriki“ – teilen sich das Schaf und die
Ziege das „Mäh“. Und genau das wollen beide nicht.
Gemeinsam wird diskutiert, wie sich das Problem lösen lässt. Die Tiere
kommen zu dem Schluss: Wenn das Wort nicht geteilt werden kann, darf es
eben keiner mehr benutzen. Das Schaf entscheidet sich daraufhin für eine
neue, äußerst komplizierte Variante: „Zipp Zapp Wiggedi Wagg Bing Bang
Walla Balla Flip Flap Schlappedi Schlapp Wing Ding Dilli”.
Eigentlich keine schlechte Idee, doch plötzlich taucht ein Außerirdischer auf,
der behauptet, genau dieses Wort bereits zu benutzen. Er schlägt den beiden
Tieren vor, das „Mäh“ einfach zu „wiffeln“, was auf seinem Planten dem Teilen
sehr nahe kommt. Es zeigt sich allerdings schnell, dass der Außerirdische das
selbst gar nicht gut kann.
So stehen das Schaf und die Ziege weiterhin vor der Frage, wie sie ihr
Problem lösen können: Vielleicht doch teilen oder das Wiffeln einmal
ausprobieren?
„Zipp Zapp Wiggedi Wagg“ ist ein humorvolles Bilderbuch mit liebevollen
Illustrationen, das auf kindgerechte Weise vermittelt, wie schwierig, aber auch
toll, Teilen sein kann.

Übersetzung: Bettina Münch

Bilderbuch, ab 3 Jahren

Moritz Verlag, 16,00 €

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