
Lesetipp von
Nicole Christiansen
15.06.2024
Vorsicht Triggerwarnung! Aufregend und verstörend schreibt Lavie Tidhar, 1976 in Israel geboren, über die dunkle Geschichte seines Landes. Im Zentrum der Geschichte stehen die Jahre 1974 bis 2008. Es dreht sich alles um die Polizisten Cohen und Avi Sagi. Beide lieben ihr Land und pflegen ihre Verbindungen in die organisierte Kriminalität. Cohen hat stets einen Spruch aus der Bibel parat. Avi zieht sich gerne eine Line Kokain. Gnadenlos brutal legen sich die beiden mit jüdischen, arabischen und türkischen Gangstern an, mit der CIA und dem KGB, mit Contras und Kartellen, den militanten Orthodoxen und weiteren Playern.
Im Kapitel „Take the nineties“ besucht Avi ein Musikfestival in der Wüste und Jitzchak Rabin wird mit drei Schüssen ermordet. Es ist das Jahr 1995. Rabin „hatte die Armee angeführt, die das Westjordanland, Gaza und die Golanhöhen besetzt hatten. Er war Premier, als die Siedlungen sich bis in die besetzten Gebiete ausbreiteten. Rabin besaß ein Dollar-Konto im Ausland, und es hieß, er sei ein Säufer…. während der Intifada hatte er das Ministerium für Sicherheit geleitet…und gesagt, er wolle Arabern Arme und Beine brechen, was einige Soldaten sehr wörtlich nahmen.“ Und trotzdem wurde Rabin am Ende zu einem der Architekten des Friedensprozess im Nahen Osten; bekam 1994 den Friedensnobelpreis.
Lavie Tidhar macht die Realpolitik Israels zum Stoff seines gewaltigen Thrillers. Es ist das Buch der Stunde! SeinTitel „Maror“ bezieht sich auf die bitteren Kräuter, die auf dem Sederteller liegen, wenn sich die Juden an die Flucht aus Ägypten erinnern. Tidhar zieht seine Leser in die bittere Geschichte hinein, auf die der Staat Israel aufgebaut ist. (Exodus, 12:8) Der Autor lebt seit 2013 in London, wo er bereits am zweiten Teil der Geschichte arbeitet. In Israel werden seine Thriller nicht erscheinen.
Übersetzung: Aus dem Englischen von Conny Lösch
Roman
Suhrkamp Verlag, 22,00 €