
Lesetipp von
Nicole Christiansen
22.09.2021
Katharina ist 19 Jahre alt, als sie den über 30 Jahre älteren Hans zufällig in Ostberlin auf der Straße trifft. Oder hatte Kairos, der Gott des glücklichen Augenblicks, seine Hände bei dieser Begegnung im Spiel?
Rasend schnell entwickelt sich zwischen dem ungleichen Paar eine leidenschaftliche, amoralische Liebesbeziehung.
Katharina bewundert Hans, den charismatischen Schriftsteller, der mit Ingrid verheiratet ist und einen Sohn hat. Er vermittelt ihr den Zugang zu klassischer Musik und Literatur und zelebriert sein Begehren zu seiner frisch eroberten Geliebten wie eine heilige Messe.
Jenny Erpenbeck, die wie Katharina 1967 in der DDR geboren wurde, siedelt ihren epischen Roman vor dem Hintergrund des untergehenden Staates und dem Umbruch im Jahr 1989 an.
Anfangs flaniert die Leserin/der Leser staunend durch das Künstlermilieu der DDR, probiert „Berner Butterbuillon" mit einem schwimmenden Wachtelei im „Ganymed" am Schiffbauerdamm oder trinkt einen Wein mit dem ständig Duett rauchenden Hans und seiner Katharina in den „Offenbachstuben." Es scheint, als wäre man in Paris, würden die Beiden nicht Heiner Müller und anderen Künstler der DDR auf ihren Streifzügen durch die Nacht über den Weg laufen.
Hans fährt weiterhin mit Frau und Kind in die Ferien. Der günstige Zeitpunkt für ein klärendes Gespräch mit der unwissenden Ehefrau zieht sich hin und am Ende wird die Gelegenheit dazu verpasst. Da zeigt Kairos, der Gott aus der griechischen Mythologie seinen kahlen Hinterkopf. Und wenn der Gott einmal an einem vorübergezogen ist, ist dieser großartige Roman noch längst nicht zu Ende.
Die zunehmend tragische Liebesgeschichte von Hans und Katharina verläuft parallel zu der Endzeitstimmung in den letzten Jahren der DDR. Im Vordergrund stehen hier nicht die Bürger der DDR, die in einer friedlichen Revolution die Wende herbeigeführt haben. Es ist vielmehr der Blick durch das Schlüsselloch auf die etablierte Kulturszene der DDR, der mir als „Wessi" einen atmosphärisch spannenden Einblick gewährt hat.
Jenny Erpenbeck schreibt als Zeitzeugin mit literarischer Distanz einen Roman über die DDR, der mich in seiner Dramaturgie an eine Oper erinnerte. Ihre Sätze klingen noch lange nach!
Roman
Penguin Verlag, 22,00 €
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