Michel Bergmann wurde 1945 als Kind internierter jüdischer Flüchtlinge in der Schweiz geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er mit seiner Familie zunächst in Paris, später zog die Familie nach Frankfurt, woher Michel Bergmanns Vater stammte. In dieser Zeit spielt auch Bergmanns Debütroman, der 2010 erschien und den sie vielleicht kennen: „Die Teilacher", in dem humorvoll und berührend erzählt wird, wie sich nach Hessen zurückgekehrte Juden im Nachkriegsdeutschland als Vertreter durchschlagen.

In seinem neuen Buch erzählt Bergmann mit schonungsloser Offenheit die Lebensgeschichte seiner Mame - seiner Mutter: Charlotte Meinstein, so ihr Geburtsname, wird 1916 in Zirndorf in Bayern geboren. Wegen der Nationalsozialisten bleibt ihr das Abitur verwehrt, sie flüchtet über Frankreich schließlich in die Schweiz, wo sie als deutsche Jüdin interniert wird. Im Internierungslager wird Michel 1945 geboren. Durch die Flucht aus Deutschland überlebt Charlotte- im Gegensatz zu vielen ihrer Familienangehörigen - den Holocaust. Schon früh wird Michel, wie so viele seiner Generation, von seiner Mame als undankbar empfunden: „Da überlebt man, und das ist der Dank!", „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich lieber nicht überlebt!" oder „So, schmeckt dir nicht? Soll ich dir sagen, was wir im Lager hatten?" Hiermit wird der kleine Michel schon früh konfrontiert und natürlich ist das Verhältnis zur Mutter lebenslang ein schwieriges. Seine Mame Charlotte ist einerseits erfolgreiche Geschäftsfrau, verehrt und umschwärmt, andererseits strenge Mutter, die ihren Sohn nicht schont und mit Erwartungen erdrückt. Und natürlich auch traumatisierte Überlebende der Shoa. Die persönliche Einordnung Bergmanns macht dieses Erinnerungsbuch zu einem ganz besonderen, berührenden und letztlich auch versöhnlichen Werk.

Roman
Diogenes, 25 €

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