
Lesetipp von
Sybille Kramer
01.02.2022
Eines der besten Bücher der letzten Jahre war für mich der Roman "Ein wenig Leben" von der US-amerikanischen Journalistin und Schriftstellerin Hanya Yanagihara.
Jetzt ist ihr neuer, knapp 900 Seiten umfassender, Roman erschienen, den ich natürlich gleich lesen musste. Es ist ein bombastisches, teilweise ausuferndes, einfühlsames, schreckliches, aber auch spannendes Buch entstanden.
Es gibt drei Teile, die im Abstand von ungefähr 100 Jahren in New York spielen. Dreh- und Angelpunkt ist ein in allen Teilen wiederkehrendes Haus am Washington Square in New York mit seinen Bewohnern. Im ersten Teil, der um 1890 spielt, hat sich die Autorin die Freiheit herausgenommen, die Geschichtsschreibung zu verändern. Bei ihr gibt es - in Folge der Bürgerkriege - die sogenannten Freistaaten, zu denen auch New York gehört. Dort ist die homosexuelle Liebe und Heirat nicht strafbar, sondern ganz normal. Im Mittelpunkt steht ein junger Mann, der die standesgemäße Ehe mit einem wesentlich älteren Mann ablehnt.
Der zweite Teil thematisiert die AIDS- Epidemie in den 1990-er Jahren. Es wird die Geschichte des jungen Hawaiianers David erzählt, der mit Charles, einem reichen Anwalt zusammenlebt. In Rückblenden erzählt uns die Autorin, die selber auf Hawaii aufgewachsen ist, die Familiengeschichte Davids und die Kolonialgeschichte des 50. Bundesstaates der USA.
Der dritte Teil ist in der Zukunft um 2090 angesiedelt. Die Welt wird in regelmäßigen Abständen von verheerenden Pandemien heimgesucht und die Freiheit der Menschen in einem Orwell-artigen Überwachungsstaat eingeschränkt. Angeblich hat Yanagihara die Idee für diesen Teil schon vor der Corona-Pandemie entwickelt. Im Mittelpunkt steht diesmal eine junge Frau, die als Kind die Krankheit überlebt hat und nun besondere Fürsorge braucht. Für mich ist es die stärkste, extrem realistische und dadurch kaum zu ertragende Geschichte in diesem Roman.
Alle Protagonisten sind auf der Suche nach dem Paradies auf Erden. Ob dies gelingt?
Auch wenn der neue Roman von Hanya Yanagihara besonders wegen seiner epischen Breite von mir nicht das Prädikat "Lieblingsbuch" bekommt, macht er nachdenklich und hallt lange nach. In jedem Fall lohnt sich die Lektüre!
Übersetzung: Aus dem Englischen übersetzt von Stephan Kleiner
Roman
Claassen, 30,00 €