
Lesetipp von
Sönke Christiansen
29.09.2022
Der Verlag nennt diesen Roman Ralf Rothmanns den Abschluss der Trilogie über den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit in Deutschland. Ich muss gestehen, die beiden ersten Romane der Trilogie nicht gelesen zu haben, was jedoch mein Lesevergnügen in keiner Weise gemindert hat.
Erzählt wird die Geschichte von Elisabeth, die – wie so viele - im Frühjahr 1945 aus Ostpreußen in den Westen flieht. Was mich zuerst etwas irritierte, sich später aber als absolut stimmig für diesen Roman herausstellte, ist, dass Rothmann die Geschichte aus zwei unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Der größere Teil von Elisabeths Leben wird aus der Ich-Perspektive erzählt von Ihrer Jugendfreundin Luisa. Beide lernen sich nach Elisabeths Flucht in Kiel kennen und bleiben über viele Jahre miteinander befreundet. Durch diese Erzählperspektive gelingt es Rothmann, die Stimmung der Nachkriegsjahre lebendig und in all ihrer Zerrissenheit darzustellen: Zum einen die Geflüchteten und Kriegsheimkehrer, deren Leben von dem Erlebten auf immer gezeichnet ist und auf der anderen Seite die jüngere Generation – hier dargestellt durch Luisa – die ohne diesen Ballast der Vergangenheit den Aufbruch der bundesrepublikanischen Gesellschaft unbeschwert mitgestalten.
Unterbrochen wird die Erzählung von Luisa von Sequenzen dessen, was Elisabeth während ihrer Flucht erleiden musste. Flucht, Vergewaltigung, aber auch Rettung durch einen desertierten russischen Soldaten. Diese Berichte sind von Rothmann in der Sie-Perspektive verfasst, was eine größere Distanz zu dem Geschehen schafft und sie damit für den Leser erträglicher machen.
Ich kann diesen in klarer und rhythmischer Sprache verfassten Roman absolut empfehlen.
Roman
Suhrkamp, 24,00 €