
Die Autorin Isabelle Lehn erzählt in ihrem atemberaubenden Roman eine True-Crime-Story. Es ist die Geschichte einer "unauffälligen Frau“ deren „bezeichnendes Merkmal … ihre Durchschnittlichkeit“ ist. Im Prolog erfahren wir, das die nur A. genannte Frau bereits vor Gericht steht. Wie ist es dazu gekommen?
A. stammt aus der südniedersächsischen Kleinstadt Einbeck, ist dort aufgewachsen und hat in der Sparkasse eine Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht. Nach ihrem Studium erwarten Familie und vor allem ihr Freund, dass sie den vorgesehenen Weg einschlägt: Heiraten, 2 Kinder bekommen, dabei halbtags in der örtlichen Filiale der Sparkasse am Schalter sitzen.
Aber A. will mehr und bewirbt sich in Zürich bei der „Deutschen“ im Investmentbanking. Trifft dort auf ichbezogene und angeberische Kollegen, die sie durchweg nicht ernst nehmen. Unbeirrt erträgt sie die Männerwitze ihrer Kollegen, mit denen sie nachts um die Häuser zieht, und nutzt die Begierde ihrer Kunden für den eigenen Aufstieg. A. agiert unter dem Radar, weil ihr nichts zugetraut wird, schon gar nichts Kriminelles. Warum sie zur wirtschaftlich angeschlagenen Presseagentur „Deutsche Nachrichtenagentur“ wechselt und auf einem Posten unter ihrem Niveau ausharrt, ist spannend erzählt. Und, was diesen Roman so faszinierend macht: Isabelle Lehn schildert die Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln. Jeder, der sich an A. erinnert, entwirft ein eigenes Bild, doch keines davon entspricht der Wahrheit. Ein literarisches Verwirrspiel, das sie unbedingt lesen sollten!
Roman
S. Fischer Verlag, 25,00 €