Die letzten Empfehlungen aus dem Team

Adania Shibli: Eine Nebensache

Lesetipp von Nicole Christiansen - 23.05.2022

Aus dem Arabischen von Günther Orth
Roman, Berenberg Verlag, 22,00 €

In diesem erstaunlich kurzen Roman wird ein großes Thema virtuos verhandelt; der Konflikt zwischen Israel und Palästina.
Der Roman erzählt im ersten Teil von einem Beduinenmädchen, das im Sommer 1949 von israelischen Soldaten gefangen, mißbraucht und schließlich in der Wüste getötet wird.
Ein Kriegsschicksal, das von der palästinensischen Autorin Adania Shibli in eine literarische Form verwandelt wird, die nicht die Tat, sondern viel mehr die Umstände, in deren Verlauf es zur Ermordung des Mädchens kommt, in den Fokus setzt.
Da ist immer wieder die Rede von „Er", dem Kommandanten der israelischen Einheit, der im Schlaf in seinem Zelt von einem unbekannten Tier gebissen wird. „Er", dessen Wunde sich entzündet und „Er", der die Befehle gibt.
Adania Shibli nähert sich dem brutalen Geschehen, indem sie Bilder schafft, die das Unsagbare fühlbar machen.
Im zweiten Teil springen wir in die Gegenwart, in der eine Journalistin aus Ramallah von dieser Geschichte erfährt, die sich am 9. August 1949 zutrug.
Es ist das Geburtsjahr der Autorin; nur 25 Jahre später.
Im Roman reflektiert die Journalistin über diese Parallele: „Es mag fürchterlich selbstverliebt klingen, das mich an dem Vorfall ausgerechnet dieses nebensächliche Detail fesselte, zumal die übrigen Details des Vorfalls als rundheraus tragisch zu bezeichnen sind... Vielleicht neigt man intuitiv dazu, zu glauben, das man selbst etwas Besonderes und das eigene Leben außergewöhnlich sei, und vielleicht liebt man es genau deshalb mit allem, was dazugehört."
Die Journalistin beginnt zu recherchieren und fesselt den*die Leser*in mit einer Nebensache, die keine ist. Hier geht es um die Frage nach Menschlichkeit und Gerechtigkeit in Zeiten von Gewalt und Krieg.
Der verknappte Stil ist das Besondere an diesem außergewöhnlichen literarischen Text und erinnert mich an Eric Vuillard, der für seinen Roman „Die Tagesordnung" 2017 mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet wurde.

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Natascha Wodin: Nastjas Tränen

Lesetipp von Sönke Christiansen - 20.05.2022

Roman , Rowohlt Verlag, 22,00 €

Seit dem 24. Februar ist Krieg in der Ukraine und viele Ukrainer/innen müssen ihr Land verlassen und kommen auch nach Deutschland. Ich muss in diesem Zusammenhang öfter an das Buch von Natascha Wodin „Nastjas Tränen" denken, das schon im Herbst letzten Jahres erschien und in der Nachwendezeit Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts spielt.
Natascha Wodin erzählt die Geschichte von Nastja, einer ausgebildeten Tiefbauingenieurin, die vor Armut und Perspektivlosigkeit ihre Heimat verlassen muss, um in Berlin als Putzfrau Geld für sich und ihre in der Heimat gebliebene Familie zu verdienen. Die Wege von Nastja und der Autorin kreuzen sich, als Natascha Wodin eine Putzfrau sucht und Nastja einstellt. Die gemeinsamen ukrainischen Wurzeln verbinden beide Frauen, doch die Schwierigkeit Nastjas, fern der Heimat anzukommen und sich ganz auf ein Leben in Berlin einzustellen, bilden auch unüberbrückbare Barrieren. Die Sehnsucht nach der Heimat, für den Leser aufgrund der dortigen Perspektivlosigkeit kaum nachvollziehbar, verhindert dieses Ankommen. So ist für Nastja, die extrem sparsam und bescheiden ist und sich jede Annehmlichkeit verbietet, das Leben in Berlin einzig dem Zweck verpflichtet, mit Zähigkeit und Ausdauer Geld zu verdienen und irgendwann wieder in die Heimat zurückzukehren.
Ein wunderbares Buch über eine starke Frau und darüber, wie unterschiedlich die Suche nach Glück ist. Natascha Wodin beschreibt dieses Leben in einer nüchternen, aber ungemein fesselnden Sprache, die mich das Buch in einem Stück durchlesen ließ.

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Elina Ellis: Von wegen süß!

Lesetipp von Sigrid Lemke - 17.05.2022

Aus dem Englischen von Ebi Naumann
Bilderbuch ab 4 Jahren, Thienemann, 14,00 €

Wenn ein Geschwisterkind unterwegs ist, werden die großen Schwestern und Brüder freudig vorbereitet: Babys sind so niedlich, lieb, schlafen meistens und sind soo süß!
Aber dann kommt der Tag der Wahrheit!

„Von wegen süß" ist nicht nur ein sehr witziges Bilderbuch für große Schwestern und Brüder sondern auch als Vorbereitung für werdende Eltern hervorragend geeignet!

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Adam Silvera: More Happy Than Not

Lesetipp von Annette Quest - 14.05.2022

Aus dem Englischen von Lisa Kögeböhn
Jugendbuch ab 14 Jahren, Arctis Verlag, 18,00 €

'Sie werden von unangenehmen Erinnerungen geplagt? Wählen Sie 1-800-VERGISS-ES und erfahren Sie mehr über das Leteo-Institut und seinen revolutionären Gedächtnis-Eingriff!'
Aaron kann über diesen Werbespruch nur den Kopf schütteln. Das kann doch nur Betrug sein, denkt er. Dennoch kommt ihm das Institut immer wieder in den Sinn, denn er leidet tatsächlich unter einigen schlimmen Erinnerungen, vor allem die an den Selbstmord seines Vaters, eine Tatsache, die die ganze Familie belastet. Danach hat Aaron sogar selbst versucht, sich das Leben zu nehmen.
Aaron schämt sich für sein ärmliches Zuhause in der New Yorker Bronx und so wirklich wohl fühlt er sich auch nicht mit seinen ein wenig schlicht gestrickten Freunden, die Gewalt als legitimes Mittel ansehen zur Lösung von Konflikten aller Art. Gut, dass er zumindest mit seiner Freundin über alles reden kann und dass sie immer zu ihm hält.
Doch als sich Aaron auch noch in einen Jungen verliebt, gerät sein Leben völlig aus der Bahn. Und plötzlich erscheint ihm der Leteo-Eingriff als letzter Ausweg ...
Adam Silveras Coming-Out-Geschichte ging mir wirklich unter die Haut! Kein Wunder, dass sein Debut vom 'Time Magazine' unter die 100 besten Jugendbücher aller Zeiten gewählt wurde, ist es doch eine rasante Gefühlsachterbahn mit einigen zu höchst überraschenden Wendungen!

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Christian Linker: Y-Game - Sie stecken alle mit drin

Lesetipp von Arthur Kaiser - 10.05.2022

Jugendbuch ab 14 Jahren , dtv, 14,95 €

Ein paar Posts im Internet, verfasst von einem anonymen Nutzer "Y". Janusz will seinen Freunden, die lieber ohne ihn ihr Glück versuchen, beweisen, dass er das Rätsel hinter den kryptischen Nachrichten lösen kann und gerät in ein immer gefährlicher werdendes Spiel. Als Janusz Hinweise in der echten Welt findet, die von Y hinterlassen wurden und Rechtsextreme Interesse an den Posts entwickeln, beginnt ein Spiel gegen die Zeit.

Wem und was kann man trauen? Christian Linker erzählt eine packende Geschichte über Verschwörungsmythen und wie schnell man in sie hineingeraten kann.

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Chris Vick: Allein auf dem Meer

Lesetipp von Annette Quest - 20.04.2022

Aus dem Englischen von Wieland Freund und Andrea Wandel
Kinderbuch ab 12 Jahren, Beltz GmbH, Julius, 15,00 €

Der Sturm überrascht das Segelboot mit einer solchen Wucht, das es zum Kentern verurteilt ist.
Bill rettet sich in ein kleines Beiboot, das von den hohen Wellen des Meeres wie eine Nussschale hin und her geworfen wird, irgendwo zwischen den Kanarischen Inseln und Marokko.
Als er wie durch ein Wunder den Orkan überlebt, entdeckt er auf einem vorbei dümpelnden Fass ein Mädchen. Er zieht sie zu sich ins Boot, sie lebt noch. Aya spricht Berbisch und kann gut Geschichten erzählen. Von nun an kämpfen sie gemeinsam gegen den Hunger, den Durst, die Sonne, das Meer.

...und dies ist so spannend geschildert, dass ich das Buch gar nicht zur Seite legen mochte! Trotz all der schrecklichen Dinge, die geschehen - und die sind nichts für empfindsame Gemüter! - trifft die Beschreibung in einer Rezension 'zwischen Robinson Crusoe und Tausendundeine Nacht' zu. Es klingt die Schönheit der Natur durch, die Freude am Schwimmen im klaren, tiefen Wasser, der Geschmack von Meeresfrüchten - und das kostbare Geheimnis des Lebens.

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Chris Vick: Allein auf dem Meer
von Annette Quest, 20.04.2022

Stewart O'Nan: Ocean State
von Eva Lorenzen, 20.04.2022

Marion Lagoda: Ein Garten über der Elbe
von Sybille Kramer, 17.04.2022

Pauline de Bok: Das Schweigen der Frösche
von Sigrid Lemke, 25.03.2022

Kim Hillyard: Hedwig will hoch hinaus
von Nicole Christiansen, 18.03.2022

Annika Büsing: Nordstadt
von Sybille Kramer, 17.03.2022

Cornelia Franz: Swing High
von Andreas Mahr, 15.03.2022

Regina Wenig: Bauer Errfin und der Kongokäfer
von Susanne Sießegger, 09.03.2022

Szczepan Twardoch: Demut
von Michael Keune, 09.03.2022

Ronja von Rönne: Ende in Sicht
von Susanne Sießegger, 25.02.2022

Richard Wagamese: Der gefrorene Himmel
von Sönke Christiansen, 23.02.2022

Stuart Cosgrove: Cassius X Die Entstehung einer Legende
von Andreas Mahr, 15.02.2022

Ronja von Rönne: Ende in Sicht
von Susanne Sießegger, 10.02.2022

Hanya Yanagihara: Zum Paradies
von Sybille Kramer, 01.02.2022

Abbas Khider: Der Erinnerungsfälscher
von Nicole Christiansen, 31.01.2022

Kirsten Boie: Heul doch nicht, du lebst ja noch
von Sigrid Lemke, 21.01.2022

Goldie Goldblom: Eine ganze Welt
von Nicole Christiansen, 05.01.2022

Karen McManus: You will be the Death of me
von Susanne Sießegger, 03.01.2022

Saša Stanišić : Panda-Pand. Wie die Pandas mal Musik zum Frühstück hatten
von Susanne Sießegger, 30.11.2021

Davide Morosinotto: Die Rebellen von Salento
von Andreas Mahr, 29.11.2021

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