Lesetipp von
Lena Meyer
06.01.2026

Spätestens seit der Preis der Leipziger Buchmesse an Unser Deutschlandmärchen von Dinçer Güçyeter ging, ist der mikrotext Verlag allen Lesenden ein Begriff; und spätestens seitdem Island und seine Literatur auf der Frankfurter Buchmesse zu Gast waren, fristen Übersetzungen von dort ins Deutsche kein Nischendasein mehr in den Verlagen und Buchhandlungen hierzulande. So gesehen müsste das soeben im mikrotext Verlag erschienene Buch Die Bibliothek meines Vaters des Isländers Ragnar Helgi Ólafsson in den Bestsellerlisten längst ganz oben zu finden sein.
Die Wirklichkeit sieht anders aus. Bedauerlicherweise. Obwohl es eine große Handlung gar nicht gibt, erzählt sich dieses fantastische Büchlein wie von selbst. Der Erzähler soll die Bibliothek seines verstorbenen Vaters durchsehen, genauer: wegschaffen. Nicht nur, weil sein Vater Verleger war, und die Privat- und Lagerbestände ineinander übergehen, ist diese Aufgebe schwer zu überblicken. Besonders die gesammelten Werke selbst sind es. Was unbedingt ein gutes Zeichen ist! Denn Sohn Ragnar Helgi Ólafsson liest sich fest und wir mit ihm, dringen in die Schichten seiner Familiengeschichte im ländlichen Island vor, deren Lesens-, Lebens- und Schreibräume, und nehmen Abschied vom Vater, während wir sehen, wo in der Gegenwart der Raum für Bücher überall stetig kleiner wird – kein Antiquar kann das aufhalten. An der Seite Ólafssons aber erfahren wir eindrücklich, dass, wenn wir ein Buch nur aufschlagen, wie von selbst ein ganz eigener Zeit-Raum übernimmt, denn dann lesen wir: gestern, morgen, heute … 

Übersetzung: Aus dem Isländischen von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason
Mikrotext, 25,00 €

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