Lesetipp von
Lilli Biskamp
24.08.2025

Von einem, der auszog, um nicht verrückt zu werden – In seinem Debütroman Botanik des Wahnsinns erzählt Leon Engler die Geschichte eines jungen Mannes, den die Frage nach der Grenze zwischen Normalität und Wahn wortwörtlich umtreibt. Schon früh ergreift ihn die Angst, selbst verrückt zu werden, scheint doch die Biografie seiner Familie wie ein Stammbaum des Wahnsinns zu wirken: die Großmutter bipolar, die Mutter alkoholkrank, der Vater depressiv.

Um dieser Geschichte zu entkommen, zieht er rastlos durch die Welt. Er bleibt nirgends lange, scheut enge Beziehungen und hält sein Leben stets so gepackt, dass er jederzeit verschwinden könnte. Doch irgendwann landet er genau dort, wovor er sich sein Leben lang fürchtet – in der Psychiatrie. Allerdings nicht als Patient, sondern als Psychologe. Die Antwort auf seine Fragen findet er dort nicht, aber eine neue, noch größere: Was heißt es eigentlich, ein normaler Mensch zu sein?

Engler schreibt schonungslos, zugleich zärtlich und klug über jene Familiengeschichten, die schwer zu erzählen sind. Mit feiner Beobachtungsgabe verknüpft er persönliche Erlebnisse mit Reflexionen über psychische Erkrankungen und gesellschaftliche Vorstellungen von Normalität. Mitunter liest sich das wie ein ungewöhnlich unterhaltsames Lehrbuch, das von Familienanekdoten, Begegnungen mit einem eigensinnigen Nachbarn und philosophischen Exkursen durchzogen ist. Botanik des Wahnsinns ist ein Buch für alle, die sich für die feinen Linien zwischen Vernunft und Wahnsinn interessieren, für Familiengeschichten, die schwer wiegen und dennoch voller Leben sind, und für Literatur, die einen noch lange begleitet. Ein starkes, kluges und unbedingt lesenswertes Debüt.

Roman
Dumont, 23,00 €

Buch im Online-Shop