
Lesetipp von
Annette Quest
22.07.2023
"Als Henry Preston Standish kopfüber in den Pazifischen Ozean fiel, ging am östlichen Horizont gerade die Sonne auf."
Mit diesem Satz beginnt der kluge und äußerst unterhaltsame Kurzroman aus dem Jahr 1937 in der erstmaligen Übersetzung von Klaus Bonn, der sowohl in seiner Zeit als auch noch heute etwas Besonderes ist.
Die äußere Handlung ist schnell erzählt: Ein erfolgreicher, wohlsituierter Börsenmakler gerät in eine mentale Krise und verordnet sich selbst eine Schiffsreise. Und vielleicht hätte sich auf dem Frachter auch wirklich die erhoffte Seelenruhe eingestellt, wäre er nicht ausgerutscht und über Bord gegangen. Die eigentliche Handlung dieses Buches aber ist eine innere und taucht ein in Standishs Gefühle und Gedanken, während er um sein Leben schwimmt.
"Wie würde ein Mensch", fragte sich der Autor Herbert Clyde Lewis beim Schreiben, "diese schwindelerregende mentale Kluft (...) überbrücken?" Was macht es mit jemandem, der wie Standish fest im Leben gestanden und sich und seine Zahlen für den Nabel der Welt gehalten hat, buchstäblich aus dieser herauszufallen?
Mit feiner Ironie beobachtet der Erzähler, und wir mit ihm, wie der Gentleman seinen Blick erst unwillig, dann neugierig über seinen (standesgemäß ziemlich begrenzten) Tellerrand hebt. Mit der unergründlichen Tiefe des Ozeans hat er jedoch nicht gerechnet ...
Sehr lesenswert! Und Dank mare Verlag steckt diese Ausgabe in einem wunderschön gestalteten Geschenkschuber!
Übersetzung: Aus dem Amerikanischen Englisch von Klaus Bonn
Roman
mareverlag, 28,00 €