
Lesetipp von
Annette Quest
22.01.2023
Gerade haben wir in unserem Literaturkreis 'IndieBooks', in dem wir uns über Bücher kleiner unabhängiger Verlage austauschen, 'Die Stille verschieben' von Etel Adnan entdeckt. 'Shifting the Silence' ist der Originaltitel, und es ist das letzte Buch der am 14. November 2021 verstorbenen Autorin und Malerin.
Und eben dies, 'shifting the silence', tut Adnan in ihren berührenden poetischen Textfragmenten, die manchmal auf mich so konkret und persönlich wirken wie Tagebucheinträge, manchmal aber auch wie philosophische Gedichte. Etel Adnan hält inne, spürt in sich hinein und bewegt das, was sie dort findet. Sie reflektiert ihr Leben, ihr Altern und ihr Wissen um den nahen Tod. Auch die Welt mit ihrem technischen Fortschritt, ihren Kriegen, dem Klimawandel findet Einlass in ihre Gedanken. Dabei bleibt die Atmosphäre selten traurig, immer wieder öffnet Adnan das Fenster zum weiten Ozean, zum fernen Berg Tamalpais, zum geheimnisvollen Nachthimmel, zu einer tröstlichen göttlichen Ewigkeit. Oder aber die Autorin kehrt plötzlich aus ihren abstrakten Gedanken zurück ins Hier und Jetzt und verkündet: „Ein Stück Brot, etwas Käse, in aller Ruhe, ist es das, was uns zum Göttlichen führt? Warum nicht?!"
Für mich ist dieses Buch eine Art Meditation, die ich sowohl als Gedankenstrom auf mich wirken lassen oder aber sie in einzelnen Auszügen lesen kann. Denn es ist wie ein immerwährendes Hin- und Herwälzen, ein Umschichten und Verschieben, das rauscht wie das Meer.
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Übersetzung: Aus dem Englischen von Klaudia Ruschkowski
Erzählungen
Edition Nautilus, 22,00 €