Lesetipp von
Sybille Kramer
17.03.2022

Wer eine simple, romantische Liebesgeschichte lesen will, ist hier falsch. "Nordstadt" heißt das Debüt von Annika Büsing und bezeichnet gleichzeitig das ärmste Viertel (irgend)einer Stadt im Ruhrgebiet.

Erzählt wird die Geschichte Nenes, von ihrer kaputten Kindheit und ihrem Wunsch nach Sicherheit und danach, die schlimmen Erlebnisse zu vergessen.

Die junge Frau, Anfang 20, ist Bademeisterin genau in dem Schwimmbad, in dem sie selbst schwimmen gelernt hat und lange im Verein war. Es ist ihr absoluter Traumberuf und ihr Rettungsanker. Hier lernt sie auch Boris kennen, der seine Bahnen zieht, und verliebt sich sofort in ihn und seine "Puma-Augen". Boris humpelt und hat chronische Schmerzen, weil er Kinderlähmung hatte. Er lässt niemanden in seine Nähe, nennt sich selbst einen "Krüppel" und verschweigt Nene, dass er arbeitslos ist.

Es entwickelt sich eine ziemlich komplizierte Beziehung, die ohne Nenes Mut und ihre Hartnäckigkeit nach kurzer Zeit im Sande verlaufen wäre. Der Roman verzichtet auf die klassische chronologische Erzählform. Über den Zeitraum von etwa einem Jahr begleiten wir die beiden. Dabei spielt die Reihenfolge der Ereignisse keine große Rolle. Wie bei ihren Gefühlen zueinander, geht es auch zeitlich vor und zurück.

Ich finde, die Autorin Annika Büsing packt ganz schön viel in diesen kleinen Roman von nur 128 Seiten. Das ist manchmal anstrengend. Doch die Leserinnen und Leser müssen eben aushalten, was das Leben Nene und Boris zumutet. Und wir werden belohnt mit unglaublich guten Szenen und Bildern und mit einer Heldin, die stark und sensibel ist.

Und dann ist es doch eine Liebesgeschichte. Und was für eine!

Roman
Steidl, 20,00 €

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