Lesetipp von
Britta Hansen
06.01.2026

Den Kontakt zu den Eltern abzubrechen, ist eine der schwersten Entscheidungen im Leben eines Kindes und geht einher mit Schmerz und Verletzungen. Aber manchmal bleibt einer Tochter, einem Sohn nichts anderes übrig, um sich selbst zu retten. Eindringlich und mit fesselnder Präzision begibt sich der italienische Journalist und Autor Andrea Bajani in „Der Jahrestag“ auf Spurensuche. Warum, so fragt sich der Ich-Erzähler, hat meine Mutter den tyrannischen Ehemann ertragen? Wie konnte sie nicht sehen, dass ihre Kinder darunter litten, weil sie zu schwach waren, sich dem jähzornigen Vater entgegenzustellen? Oder hat sie die Augen einfach verschlossen?

Bajani zeigt, wie patriarchale Strukturen in Italien weitergegeben werden. Er versucht, die Machtlosigkeit einer Frau zu verstehen, die in den 1970er Jahren einen Mann heiratet, der meint, die Familie mit harter Hand regieren zu müssen. Es ist der schonungslose Blick eines Sohnes, der das Bild seiner Mutter in allen Facetten ausleuchtet, und erst als erwachsener Mann Konsequenzen ziehen kann.

Der Autor möchte diese auch heute noch relevante Familiengeschichte nicht als autobiografisches Werk verstanden wissen. Ein berührender Roman über Schuld und Verantwortung, 2025 ausgezeichnet mit dem wichtigsten italienischen Literaturpreis, dem Premio Strega.

Übersetzung: Aus dem Italienischen von Maja Pflug
Roman
Nagel und Kimche, 24,00 €

Buch im Online-Shop