
Lesetipp von
Sybille Kramer
24.05.2024
Die Schweizer Fotografin und Autorin Nadine Olonetzky erzählt uns in diesem berührenden und sehr besonderen Buch ihre Familiengeschichte und arbeitet ihre persönlichen Verluste und Erfahrungen auf.
Als sie fünfzehn Jahre alt ist, erfährt sie von ihrem Vater, was die Nationalsozialisten seinem Vater und seiner Schwester angetan haben und von seiner Flucht als jungem Mann in die Schweiz. Vorher hatte er davon nichts erzählt und auch nach diesem einen Gespräch redet er nicht mehr über das Erlebte mit ihr. Nadine Olonetzky stammt aus einer Familie von Fotografen. Ihr Vater war Amateurfotograf, ihr Onkel, sie selbst und auch ihr jüngerer Bruder haben ebenfalls die Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel gewählt. Sicher kein Zufall - ist doch ein gerahmtes Foto des Vaters als kleiner Junge das einzige, was ihm nach dem Krieg als Erinnerungsstück von seiner jüdischen Familie geblieben war. Es ist das Foto, das wir auf dem Buchumschlag sehen.
Nach dem Tod des Vaters findet die Autorin über 2000 Seiten Aktenmaterial, die den jahrzehntelangen Rechtsstreit des Vaters mit dem "Amt für Wiedergutmachung" dokumentieren. Erst jetzt kann sie anhand des Materials zwar nicht alle, aber doch einige Leerstellen in der Geschichte ihres Vaters für sich ausfüllen. In den Schriftstücken aus den Jahren 1957 bis 1974 geht es unter anderem um Entschädigung "wegen Schadens an Freiheit" oder "Schadens an Eigentum". Die darin verwendete nüchterne Sprache der deutschen Beamten hat mich beim Lesen erschüttert und wütend gemacht.
Das Besondere an diesem biografischen Roman ist aber auch die Beschreibung ihres Gartens im Jahreslauf. Immer wieder schiebt Nadine Olonetzky Schilderungen ein über den Wandel in ihrem kleinen Garten und das Wachsen und Vergehen der Pflanzen. Und das hat etwas sehr Poetisches und Tröstliches.
Roman
S. Fischer, 25,00 €