
Lesetipp von
Nicole Christiansen
01.11.2022
Vor Risiken und Nebenwirkungen möchte ich Sie warnen, bevor Sie diesen klugen und ergreifenden Roman verschlingen werden. Ein deutsches Ehedrama in den Achtzigern führt die emanzipatorischen Versprechen jener Jahre auf schockierende Weise ad absurdum.
Das soziale Gleichgewicht in dieser Spießer Ehe bleibt auf der Strecke. Der Ehemann demütigt seine Frau, weil Sie ihm schlichtweg zu dick ist. Diäten ziehen sich quälend durch das ganze Buch. Der Mann ist sogar im Stande, seine Frau wegen ihres Aussehens für seine eigenen beruflichen Misserfolge verantwortlich zu machen. Er rationalisiert ihr Haushaltsgeld, um sich selbst ein neues Cabrio zu kaufen oder um alleine in den Skiurlaub zu fahren.
Großartig beschreibt Dröscher im Gegenzug, wie die berufstätige Mutter (der Roman wird aus der Perspektive der Tochter erzählt) sich dennoch gegen die Fremdbestimmtheit ihres Körpers wehrt, ein in Not geratenes Mädchen aus der Nachbarschaft aufnimmt, Fremdsprachen lernt und auch noch die demente Mutter versorgt. Sie ist eine starke Frau mit vielen Kompetenzen, ihr Mann ein armer Wicht! Dennoch lässt sie sich diese vielen Gemeinheiten von ihrem Mann gefallen. Dieser Roman besticht durch seine Vielschichtigkeit und Genauigkeit. Unbedingt lesenswert!
In den vielen begeisterten Besprechungen im Feuilleton wurde Daniela Dröscher bereits mit der Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux verglichen. Das Buch stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2022.
Roman
Kiepenheuer & Witsch, 24 Euro €