Lesetipp von
Nicole Christiansen
21.10.2021

Gifty, die Ich- Erzählerin in dem zweiten Roman der ghanaisch-US-amerikanischen Schriftstellerin Yaa Gyasi, wächst mit ihrem älteren Bruder Nana in Alabama auf. Ihre Eltern sind aus Ghana emigriert und versuchen, als einzige schwarze Familie in einem kleinen Ort im Südosten der USA, für sich ein neues zu Hause zu schaffen.
Der Roman beginnt jedoch viele Jahre später. Gifty, die inzwischen als Neurowissenschaftlerin in einem Labor an der Stanford University arbeitet, nimmt ihre Mutter bei sich zu Hause auf. Diese leidet an einer schweren Depression, die bereits vor einigen Jahren durch den tragischen Tod ihres Sohnes ausgelöst wurde.

Gifty erinnert sich daran, wie es war, als die Mutter, die schwer für den Lebensunterhalt ihrer Familie arbeitete, Zuflucht in einer erzkonservativen Glaubensgemeinschaft suchte. Die Rituale des Glaubens, die in Giftys Kindheit eine grosse Rolle spielen, werden später von ihr, der Wissenschaftlerin, als heuchlerisch erkannt. Anders als ihre Mutter erkennt Gifty, daß ihrer Familie durch die Kirche kein wahrhaftiger Beistand zuteil wurde. Im Gegenteil! Die schwarze Familie erfuhr rassistische Ausgrenzung und Gifty wurde wissentlich als kleines Kind in ihrer Not und Einsamkeit allein gelassen.

An der Universität erforscht Gifty an Mäusen die neuronalen Abläufe beim Suchtverhalten. Der Hintergrund für ihr Interesse an dieser Arbeit: Ihr Bruder wurde nach einem Sportunfall in seiner Jugend süchtig nach Medikamenten, die ihm ein Arzt verschrieben hat. Er wurde ein Opfer des fahrlässigen Umgangs mit Opiaten, wie er in den USA seit Jahren praktiziert wird.

In einem großen Spannungsbogen mit vielen Rückblenden erzählt Gyasi eine Familiengeschichte, die geprägt ist von den harten Erfahrungen der Einwanderer in die USA und der großen Sehnsucht nach ihrer Heimat. In diesem beachtenswerten Roman, der ein vielfältiges Bild der USA zeichnet, wendet sich die Ich-Erzählerin zunehmend von ihrem Kindheitsglauben ab und findet ihre Freiheit und ihren Frieden in der Wissenschaft. „Ein erhabenes Königreich" ist sowohl ein stark emotionales wie auch ein rationales Buch. Aus diesen beiden Polen erschafft Gyasi am Ende einen spannenden Gegenentwurf zu der Geschichte, die Gifty in ihrer Kindheit erlebt hat.

Sehr empfehlenswert ist auch der Debütroman „Heimkehren" von Yaa Gyasi!

Übersetzung: Aus dem Englischen von Annette Grube
Roman
Dumont , 22,00 €

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