So ein schmales Buch, 157 Seiten, aber was für ein Inhalt. Freundschaft, Liebe, Flucht ohne Kapital, Leidenschaft für Literatur und Sorgen um die eigene Zukunft.

Volker Weidermann, Jahrgang 1969, arbeitet als Literaturkritiker und ist Feuilletonchef bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Ostende, ein belgischer Badeort mit Geschichte und altem Glanz galt als Sprungbrett nach England. Nur 840 km von Berlin und 1220 km von Wien entfernt. Die Autoren, die dort 1936 im Sommer zusammenkommen, sind Exilanten aus Nazi-Deutschland oder Österreich. In ihren Heimatländern dürfen ihre Bücher nicht mehr erscheinen. Im Zentrum stehen Stefan Zweig und Joseph Roth. Stefan Zweig, zu der Zeit schon ein etablierter Autor flieht nach Ostende, ist in einer schweren Lebenskrise, ist müde und gereizt, leidet an Depressionen und sucht ein Mauseloch mit Lotte Altmann, seiner zweiten Frau. Joseph Roth, ein Freund und Bewunderer Zweigs, kommt auf seine Einladung. Roth ist am Ende, er leidet unter Geldmangel und befindet sich im Stadium eines fortgeschrittenen Alkoholikers. Als auch seine Verträge mit amerikanischen Verlagen nicht verlängert werden, ist er völlig verzweifelt und bittet Zweig um Hilfe.

Stephan Zweig hatte schon 1914 einen Sommer in Ostende verbracht. Im Sommer 1936 treffen beide auch auf andere Autoren, z.B. Hermann Kesten, Egon Erwin Kisch, Ernst Toller, Irmgard Keun, selbst eine lebenslustige Trinkerin, die eine schnell aufgeflammte Beziehung zu Joseph Roth beginnt. Die Affäre hielt aber nur etwa 2 Jahre an, da sich Roth immer mehr an sie klammerte und sie mit ihm untergegangen wäre. Auch der Maler James Ensor, in Ostende geboren, wurde ein Freund. Ein letzter Sommer der Hoffnung, dass sich die Lage für sie noch ändern könnte und sie zurück in ihre Heimat fahren könnten. Sie wurden jedoch in alle Winde verstreut.

Ganz zum Schluss geht es auch um die Stadt Ostende, die heute, nach dem Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges,  so völlig anders aussieht als in der Zeit zwischen 1924 und 1936. Nur der breite Strand und das Meer sind unverändert. In einer Stichstraße, die von der Promenade hinabführt, findet man heute noch das Haus von James Ensor.

Das Buch gibt uns Anlass, die in ihm erwähnten Autoren noch einmal zu lesen.

Biografie
Kiepenheuer & Witsch, 17,99 €

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